» Dass Frauen mit HIV immer mehr vereinsamen, ist kaum auszuhalten. «
Dr. Annette Haberl, Universitätsmedizin Frankfurt
Sich verstecken, das kennen Frauen mit HIV gut. Lieber nicht auffallen, dann gibt es kein Gerede. Wie Frauen sich mit HIV infiziert haben könnten, regt gerne die Phantasie an. Als Sextouristin, als Sexarbeiterin? Frauen sind solchen Vermutungen oftmals ausgesetzt – offen oder versteckt.
Die Folge ist häufig ein Doppelleben. Aus der Infektion wird ein Geheimnis, besonders wenn die Frauen auch Mütter sind. Denn rasch sind Kinder mitbetroffen von Diskriminierung. Damit Frauen mit HIV einen Ort haben, an dem sie offen reden können, braucht es geschützte und vertraute Räume. Die Deutsche AIDS-Stiftung fördert dafür Angebote bundesweit. Kommt zu einem anstrengenden Alltag mit HIV noch eine schwierige finanzielle Lage, ziehen sich viele Frauen noch mehr zurück. Soziale Kontakte leiden unter einem prekären Budget. Bedürftige Menschen mit HIV brauchen die Hilfe der Stiftung, zum Beispiel, damit sie an Begegnungsange-boten teilnehmen können.
Für viele Frauen mit HIV ist es allein schon eine große mentale Entlastung, sich in geschützten Räumen frei äußern zu können und Fragen zu stellen. Beratungsstellen berichten, dass auch schlimme Erlebnisse zur Sprache kommen. Sei es von Frauen, die Gewalt erlebt haben, oder von Frauen, die eine sehr belastende Flucht aus ihrem Heimatland hinter sich haben. Die Treffen enden dennoch meistens fröhlich. Miteinander traurig sein dürfen und miteinander lachen. Beides stärkt die Frauen, die für ihren Alltag viel Kraft brauchen.
Viele Fragen, gut beraten
Jede fünfte Person mit HIV ist in Deutschland eine Frau. Doch hierzulande wird HIV noch vorrangig mit Männern verknüpft, auch in medizinischen Einrichtungen. Deshalb kann es lange dauern, bis HIV bei Frauen überhaupt erkannt wird – trotz teils bedrohlicher Symptome. Wer jenseits der Menopause ist, hat unter allen Frauen mit HIV das höchste Risiko einer späten Diagnose. Oft sind es dann Zufallsbefunde.
Die meisten HIV-Diagnosen werden bei Frauen in der Schwangerschaft gestellt. Denn dann wird standardisiert ein HIV-Test angeboten. Frauen haben sofort viele Fragen: Darf ich in der Schwangerschaft Medikamente nehmen? Wird mein Kind ohne HIV auf die Welt kommen? Kann ich mein Baby stillen?
Damit sie zuversichtlich nach vorne gucken und sich auf ihr Kind freuen können, sind eine gute Beratung und Begleitung wichtig. Wie bei der Aidshilfe in Köln. Hier gibt es seit über 20 Jahren das Frauen- und Familienzentrum, das die Deutsche AIDS-Stiftung fördert. Die Beraterinnen wissen genau, was „ihre“ Frauen brauchen: ein offenes Ohr, praktische Hilfe, Kontakte zu HIV-Praxen und erfahrenen Frauenärztinnen. Das Zentrum ist überregional bekannt und eine wichtige Anlaufstelle. Im Jahr haben die Beraterinnen rund 8.000 Kontakte zu HIV-positiven Frauen. Die Frauen bräuchten zum Beispiel auch Begleitung zu ärztlichen Terminen, berichten uns die Fachleute. Denn vor lauter Aufregung würden sie manchmal das vergessen, was man ihnen erklärt. Gut, dass sie dann zwei Ohren mehr an ihrer Seite haben!
Neue Projekte für Frauen mit HIV gestartet
Ein Gutachten für die Deutsche AIDS-Stiftung hat ergeben, dass es für Menschen mit HIV zukünftig deutlich schwieriger werden wird, sich medizinisch gut versorgen zu lassen. Die begleitende Befragung von Menschen mit HIV zeigte: Gerade die Frauen sehen schon jetzt großen Verbesserungsbedarf – in Besprechungen mit Ärztinnen und Ärzten, beim Einfühlungsvermögen in ihre Situation, beim Informationsangebot rund um ihre HIV-Infektion und Behandlung.
Die Deutsche AIDS-Stiftung nahm unter anderem das Gutachten zum Anlass und hat einen Förderfonds für Frauen-Projekte aufgesetzt. Dazu hat sie sich einen Partner an ihre Seite geholt. Aus eigenen Mitteln und mit Hilfe von ViiV-Healthcare wurde der Fonds mit 50.000 Euro gefüllt. Anträge kamen aus vielen Regionen Deutschlands, von Bremen bis Passau. Die geförderten Frauen-Projekte sind bereits gestartet. Zum Abschluss ist nach einem Jahr eine Veranstaltung zum Erfahrungsaustausch geplant. Außerdem sollen die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Denn was Frauen mit HIV und Initiativen für HIV-positive Frauen brauchen, ist: gesehen und gehört werden.





