Ein Interview zur Lage in Mosambik – und ein Appell von Dieter Wenderlein
„Bei HIV nur an Medikamente zu denken ist nicht genug. Und gefährlich obendrein.“
Lieber Dieter, du bist gerade aus Mosambik zurückgekehrt, einem Land, in dem DREAM seit 2001 aktiv ist. Das Land hat eine hohe HIV-Infektionsrate und ist besonders abhängig von externen Geldgebern. Wie hast du die Stimmung bei DREAM und anderen Akteuren im Land erlebt?
Die Mittelstreichungen der USA für die HIV-Arbeit waren für alle, die in Mosambik zu HIV arbeiten, ein großer Schock. Genauso wie die Abwicklung der Entwicklungsbehörde USAID. Im Februar wurden praktisch über Nacht Gelder entzogen und Strukturen eingerissen, die bis dahin einen Großteil der HIV-Arbeit gesichert hatten. Auch wenn die Mosambikaner viele Situationen zu lösen wissen, ist eine enorme Verunsicherung geblieben. Insgesamt herrscht ein wirklich unschönes Klima, wichtige Teile der HIV-Arbeit sind radikal ausgebremst.
Alle Akteure, auch DREAM, machen selbstverständlich nach Kräften weiter. Allererst sichern wir die Basisangebote, geben Medikamente aus, beruhigen Patientinnen und Patienten. Allerdings: wenn wir uns darauf sehr lange beschränken müssen, wird es Probleme geben.
Welche Probleme siehst du kommen?
„Lebensrettende“ Aktivitäten sollen erhalten bleiben, heißt es von Seiten der Amerikaner. Trotzdem wird es in Mosambik in Zukunft mehr Tote durch HIV geben. Denn auf „Lebensrettung“ schaut die US-Regierung sehr eng und versteht darunter Medikamente Laborleistungen, Viruslastbestimmung. Das reicht nicht! Die Unterstützung aller „soften“ Themen ist weggebrochen. Darunter leiden Programme für Frauen, für Jugendliche, Test- und Aufklärungskampagnen und die Arbeit zu Menschenrechten. Aber: Weniger Informationsarbeit, weniger Tests und keine direkte Arbeit mit gefährdeten Gruppen heißen in der Konsequenz auch, dass es mehr Infektionen durch Unwissen gibt. Dass sich mehr Menschen anstecken oder unerkannt mit HIV leben. Es wird höhere Infektions-Zahlen geben und zuletzt mehr Menschen, die an Aids sterben. Das ist eine „Zeitenwende“ im schlechtesten Sinne. Und wirklich ein dramatischer Rückschritt.
Die Deutsche AIDS-Stiftung unterstützt DREAM seit über 20 Jahren, auch in Mosambik. Was zeichnet die Hilfe der Stiftung für euch aus?
Die Hilfe der Stiftung war und ist immer unkompliziert. Die Stiftung fördert die Arbeit unserer Gesundheitszentren, in Mosambik und anderen Ländern, in denen DREAM aktiv ist. Zum Beispiel in Malawi, Tansania, Kenia. In allen Ländern geben wir kostenlos HIV-Medikamente ab und betreuen die Patientinnen und Patienten mit einem medizinischen Fachteam und vielen Menschen mit HIV aus den Communities, den AktivistInnen. Wir bieten HIV-Tests an, kümmern uns um besonders verletzliche Gruppen, zum Beispiel schwangere Frauen mit HIV und helfen ganzen Familien. Wenn sie nicht in unsere Gesundheitszentren kommen können, fahren wir zu ihnen hin. Durch unsere Aktivistinnen und Aktivisten, die sich auf den Weg machen, erreichen wir viele gefährdete und HIV-positive Menschen in abgelegenen Gebieten. Die Deutsche AIDS-Stiftung unterstützt uns bei dieser wichtigen Arbeit, springt da ein, wo es fehlt, und schließt oft Finanzierungslücken. Das ist sehr wichtig für DREAM, denn so können wir mit einem Finanzierungsmix unsere Basisdienste absichern.
Was treibt dich am meisten um, wenn du an die Situation in Mosambik denkst?
Zum einen die große Unsicherheit in den staatlichen mosambikanischen Gesundheitsbehörden, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Der Abzug der Amerikaner hat ein „Vakuum im Management“ erzeugt. Konten wurden aufgelöst, alle Expats, die durch US-Gelder finanziert wurden, sind abgezogen. Und im Gesundheitsministerium gibt es neue unerfahrene Mitarbeiter. Die Abläufe und Verfahren, die sich bewährt hatten, müssen neu aufgebaut werden. Gleichzeitig schwebt eine Finanzierungs-Unsicherheit über allem. Das ist eine unglückliche Situation und es könnte Verwirrungen geben, weil niemand richtig weiß, wer was managt und entscheidet. Für die HIV-Arbeit ist das ganz und gar nicht gut.
Schlimm und keineswegs trivial ist, dass alle so sehr damit beschäftigt sind, auszugleichen, was die Mittelstreichungen am offensichtlichsten zurückgelassen haben, allem voran die medizinische Versorgung. Darüber geht der Blick für die Zukunft und wichtige HIV-Aktivitäten verloren. Das können wir uns nicht leisten.
Was ist besonders gefährlich an der Situation?
Wir verlieren das ausgerufene Ende von Aids aus dem Blick. Es hieß, man wolle alle Anstrengungen bündeln, investieren und helfen, damit Aids beendet werden kann. Gerade ist das Gegenteil davon zu sehen. Aktuell herrscht ein Klima der Unsicherheit, ob die Finanzierung der Basis-Leistungen gegen HIV in einem Jahr garantiert ist, und da kann man nicht in neue Initiativen investieren. Aber Themen, für die es aktuell kein Gehör gibt, werden uns später zwangsläufig doch beschäftigen. Dann braucht es umso eiliger Lösungen. Zum Beispiel, wenn man an Resistenzen gegen HIV-Medikamente denkt. Bei einem Kongress im Januar in Rom hat DREAM intensiv dafür geworben, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn verfügbare Medikamente nicht mehr gegen HIV anschlagen, braucht es dringend einen Plan B. Gerade ist zu diesem so wichtigen und lebensrettenden Zukunfts-Thema kein Diskurs möglich. Das könnte sich rächen.
Kann man für Mosambik eine Prognose abgeben?
Das ist schwierig. Allerdings ist es heute schon so, dass sich in Mosambik jährlich mehr Menschen mit HIV infizieren, als es HIV-Todesfälle gibt. Die Gruppe der Menschen mit HIV wird also immer größer. Jährlich kommen 40-50 tausend Patientinnen und Patienten dazu. Sie müssen versorgt und auch betreut werden. Dafür braucht es Geld und Personal.
Damit es nicht noch mehr HIV-Infektionen gibt, müsste man sich dringend weiter mit Fragen beschäftigen, wie z.B.: Wie erreiche ich neue Zielgruppen, die über HIV und den Schutz davor Bescheid wissen müssen? Wo braucht es weitere Test-Kampagnen? Was bedeuten die neuen langwirksamen Medikamente, die echte Gamechanger sein könnten, für die Prävention? Wie kommen Informationen dazu an die richtige Stelle?
Könnte DREAM den Rückzug des größten Geldgebers USA langfristig in der Medikamentenversorgung spüren?
DREAM kann bisher auf seine guten Strukturen zurückgreifen und z.B. mit eigenen Fahrern gewisse Logistikprobleme lösen. Dennoch gibt es Furcht vor Situationen, die dann auch für DREAM schwierig werden könnten. So liegen unsere Gesundheitszentren in Beira in der Mitte des Landes. Bleiben die HIV-Medikamente der staatlichen Zulieferer jedoch in Maputo im Süden des Landes liegen, können wir nicht einfach eigene Fahrer dorthin schicken, um sie zu holen. Aber noch ist das nicht akut. DREAM hat einen Puffer an Medikamenten und das Vergabe-Schema kann zur Überbrückung von Situationen angepasst werden. Dann erhalten Patientinnen und Patienten ihre Medikamente zum Beispiel für einen Monat statt für drei Monate. Noch können wir alle beruhigen: Es wird niemand sterben!
Was ist dein Appell an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft?
Löst euer Versprechen ein, das Ende von Aids durch Investitionen möglich zu machen. Wir brauchen jetzt ausreichend Mittel. Und dabei nicht nur amerikanische Gelder! Gefragt sind ebenso andere Länder, die sich beteiligen wollten. Darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien.
Macht Investitionen in Soft-Themen möglich. Vernachlässigt nicht Prävention, Aufklärung und die Stärkung von Community-Gruppen. Diese Aktivitäten bestimmen die Zukunft von HIV maßgeblich mit. Wer das Ende von Aids will, muss wichtige HIV-Programme sichern, nicht schließen!
Und deine Botschaft für die Deutsche AIDS-Stiftung?
Bleibt an unserer Seite! DREAM braucht Verbündete im Zeichen der Menschlichkeit. Mit Hilfe der Stiftung konnten wir schon so viele vor HIV bewahren. Tausende Babys sind HIV-frei auf die Welt gekommen. Frauen und Männer mit HIV sind voller Hoffnung auf ein Leben in Würde. Trotz HIV. Wir danken der Deutschen AIDS-Stiftung und ihren Spenderinnen und Spendern für ihre Treue und ihr Engagement!
Das Gespräch führte Andrea Babar, Deutsche AIDS-Stiftung
HIV/Aids in Mosambik (Stand 2024)
2,5 Millionen Menschen leben mit HIV, davon
1,5 Millionen Frauen und
180.000 Kinder
92.000 Menschen haben sich im Jahr 2024 neu infiziert, davon
Fast doppelt so viele Frauen wie Männer
Das Programm DREAM der Gemeinschaft Sant‘Egidio
ist für die Patientinnen und Patienten kostenlos
betreibt Gesundheitszentren, die an lokale Einrichtungen angebunden sind
bietet ganzheitliche HIV-Gesundheitsvorsorge und Versorgung
kümmert sich intensiv um schwangere HIV-positive Frauen
wird von der Deutschen AIDS-Stiftung seit 2005 gefördert





